Fachtag "Homo paedagogicus- zwischen Professionalität und Intuition"

Zahlreiche interessierte pädagogische Fachkräfte waren Anfang Mai zum Fachtag des Main-Tauber-Instituts (MTI) der Jugendhilfe Creglingen gekommen, um mehr über „Homo paedagogicus – zwischen Professionalität und Intuition“ zu erfahren. Nach der Begrüßung und einführenden Worten von Werner Fritz, Geschäftsführer Jugendhilfe Creglingen e. V., und der Leiterin des MTI Gabriele Bachem-Böse startete der Hauptvortrag im großen Kursaal in Bad Mergentheim.

Der Kommunikationswissenschaftler, Ethnologie und Politologe Prof. Dr. Claus Eurich mit den Hauptgebieten Ethik und gewaltfreie Kommunikation fesselte das Publikum mit seinem theoretischen Einblick in das Thema. Er stellte die Frage, was eine gute Pädagog:in ausmacht und wie man dahin kommt. Weder Intuition noch Methodenkenntnis stehen für sich alleine. Alles ist ein integraler Prozess, in dem die Zusammenhänge fließend sind. Aus seiner Sicht ist die Pädagogik kein reiner Ausbildungsberuf, für den man Wissen vermittelt bekommen kann, sondern es muss die Leidenschaft des Menschen dahinterstehen, um ein guter Pädagoge zu sein. Pädagogisches Handeln ist ein Prozess aus erlernten Wissen und Handwerkzeug, den Rest diktieren u. a. Umwelt, Gesellschaft und Kultur.

Prof. Dr. Eurich sieht alles im Fluss und in Bewegung. Heute hat man z. B. andere pädagogische Konzepte als vor 50 oder 200 Jahren, was alleine schon den gesellschaftlichen und technischen Entwicklungen und dem Wandel der Zeit geschuldet ist. Menschsein verändert sich im Laufe der Jahrhunderte und wird sich auch künftig ändern, z. B. vorrangig durch die Zerstörung und Ausbeutung der Umwelt, da wir uns nicht mehr als Teil der Natur empfinden. Um diese Zerstörung zu verhindern und unseren Kindern und Enkeln den Lebensraum zu erhalten, sieht Prof. Dr. Eurich eine Chance im „Inter-being“: alles was in der menschlichen Vergangenheit war, lebt in jedem von uns in unterschiedlichen Anteilen weiter. Prof. Dr. Eurich gab hierzu einen kurzen Abriss über die Stufen der Menschwerdung in der Geschichte, angefangen mit der archaischen Phase über die magische Phase bis hin zur heutigen rationalen Phase. Frei zitiert nach Martin Buber sieht Prof. Dr. Eurich die heutige Erziehung als Pädagogik des „Hindurchs“ durch Zeiten und Anforderungen. Hier machte der Referent den Sprung zu den ethischen Vorstellungen des Menschseins, beginnend mit Aurelius Augustinus „Liebe – und tue was Du willst“. Wichtig ist eine grundlegende Lebensbejahung und Liebe zu sich selbst. Nach dem Basisfundament der Ethik mit den vier Kardinaltugenden Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und dem angemessenen Maß von Thomas von Aquin gab Prof. Dr. Eurich Einblicke in das Denken weiterer großer Philosophen wie beispielsweise Hannah Ahrendt, Kant und Nietzsche, deren Gedanken heute noch aktuell sind und Anwendung finden sollten, nicht nur in der Pädagogik, sondern im ganzen gesellschaftlichen Umgang.

In der heutigen rationalen Welt benötigen wir neben der Logik auch Vernunft, Gefühl, Intuition, Weisheit und Kontemplation. Auch wenn man in manchen Situationen scheitert, sollte man dies verstehen und akzeptieren. Oft kommt es zum Scheitern, wenn man zu hohe Erwartungen hat oder anderen Menschen Ziele vorgibt, die diese selbst nicht haben. Resignation und Scheitern heißt auch, sich von Zielen zu trennen und etwas gänzlich anderes zu machen.

Die Intuition kann man laut Prof. Dr. Eurich nicht wie Wissen lernen, sie kommt von innen, das sogenannte „Bauchgefühl“. Man denkt nicht nach, sondern handelt innerhalb von Sekunden. Dennoch kann man durch Erfahrungen, die man macht, die Intuition schulen, fördern und unterstützen. Es hilft, Routinen und Gewohnheiten zu durchbrechen und andere Blickweisen zu schulen, dann kann sich auch Intuition einstellen.

Nach den interessanten Ausführungen von Prof. Dr. Eurich und einer kurzen Pause entführte Prof. Dr. Liz Nicolai, Dekanin der evangelischen Hochschule Ludwigsburg, mit ihrem Kurzvortrag „Homo paedagogicus - Wie prägen Haltungen Methoden?" das Publikum in die systemische Denkweise. Sie stellte die Frage, ob in der „systemischen Welt“ eher der Homo paedagogicus oder die Methodik im Vordergrund steht. In der Praxis erlebt sie bei ihren Seminaren oft, dass die Pädagog:innen ihren „Methodenkoffer“ gut füllen möchten, um eine Handlungsanweisung zu haben, um in bestimmten Situationen sicher zu sein. Aber auch in der Systemischen Theorie geht es nicht nur um die Vermittlung von Wissen, sondern um das Betrachten der Wechselwirkungen in einem System. Eine gute Mischung aus Intuition und Methodenkenntnis macht die ausgezeichnete Pädagog:in aus. Ebenso wie beim Vorredner sieht Prof. Dr. Nicolai die Haltungen der Pädagog:in als wichtiges Element an.

Den Vormittag beendete der Kurzvortrag „Homo paedagogicus“ - „Mitmensch? Machtmensch? – Ist Pädagogik auch Bevormundung?“ von Michaela Herchenhan, Diplom Pädagogin, systemische Familientherapeutin in freier Praxis, Expertin für systemische Projekte in der Kinder- und Jugendhilfe. Sie betrachtet die Pädagogik aus einem negativen Blickwinkel heraus, und stellte dar, dass in pädagogischen Systemen, oft ein Zwangskontext (z. B. Schulpflicht, öffentliche Jugendhilfe) vorherrscht und man Gefahr laufen kann, seine Macht als Pädagoge zu missbrauchen. Um dies zu vermeiden, ist es wichtig Ideologien zu hinterfragen und offen sowie transparent zu bleiben. Ebenso sollte der Auftrag klar formuliert werden. Den kurzweiligen Vorträgen folgte die Mittagspause mit köstlicher Verpflegung ehe man gestärkt in den praxisorientierten Nachmittag startete.

Nach den praxisnahen Workshops am Nachmittag, in denen das Gehörte vertieft und ergänzt wurde, schloss der Fachtag, der vom Publikum begeistert angenommen wurde, mit einem „World-Café“, bei dem man sich über das Gehörte mit den anderen Teilnehmenden austauschen konnte.

Das Main-Tauber-Institut ist das Fort- und Weiterbildungsinstitut der Jugendhilfe Creglingen. Es finden regelmäßig Workshops und Vorträge „Creglinger Workout-Fachsimpeln in den Feierabend“ zu pädagogischen oder gesellschaftlichen Themen statt. Die systemische Berater-Ausbildungen und Weiterbildungen zum Traumapädagogen haben sich fest etabliert. Im Herbst startet zusätzlich eine Weiterbildung zum Heilpädagogen. Mehr Infos gibt es unter www.main-tauber-institut.de

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