Die Corona-Krise stellt die Wohngruppen vor große Herausforderungen

 „Ich vermisse die Schule.“ Raphael Whalen, Neuntklässler, sagt diesen Satz, der ihm vor einigen Wochen so sicher nicht von den Lippen gekommen wäre. Auf die „Corona-Ferien“ folgen die regulären Osterferien, auf die sich kein Schüler mehr so richtig freut. Vielmehr stellt sich die Frage, ob es nach dem 19. April überhaupt wieder los geht. Schließlich stehen Klassenarbeiten an, für manche Abschlussprüfungen.

Für Raphael und seine acht Mitbewohner in der Wohngruppe Tauberbischofsheim bedeutet die derzeitige Kontaktsperre aber noch mehr: Der Besuch bei den Eltern über die Feiertage fällt flach, Außenkontakte gibt es nur über Handy-Apps. Auch das Vereinsleben liegt brach. Die Jugendlichen müssen in der Gruppe miteinander klarkommen.


Bewegungsfreiheit fehlt

„Unsere Gruppe ist ziemlich homogen, so dass man nicht den Spagat zwischen unterschiedlichen Altersgruppen machen muss“, beschreibt Julia Hartmann, Leiterin der Wohngruppe, die Situation. „Bei uns lässt sich noch viel mit Humor regeln.“ Dennoch geht vielen die eingeschränkte Bewegungsmöglichkeit „ein bisschen auf den Keks“, wie Raphael Whalen sagt. „Einige nervt es, wenn Corona immer das Hauptgesprächsthema ist“, fügt er an.

Natürlich hat sich das Leben in der Gruppe verändert. Klingelte der Wecker zu regulären Schulzeiten um kurz vor 6 Uhr, ist jetzt Zeit zum Ausschlafen. Spätestens um 10 Uhr aber weckt Julia Hartmann ihre Schützlinge. Schließlich haben alle gemeinsam einen Plan erarbeitet, wie es in der schulfreien Zeit vor den eigentlichen Ferien weitergehen soll. Feste Lernzeiten mit Materialien von den Lehrern, die beim einen per E-Mail ankommen, beim anderen von der Schul-Homepage abrufbar sind, bestimmen den Rhythmus und geben Struktur. „Es ist individuell ganz unterschiedlich, welcher Jugendliche welche Unterstützung braucht“, erläutert Tina Weise, Leitung des stationären Bereichs Nord bei der Jugendhilfe Creglingen.

Daneben gibt es noch das Projekt Zimmer-Großputz, zu dem sich alle mehr oder weniger freiwillig verpflichtet haben. Ansonsten gilt es, die Tage aktiv zu gestalten, um keinen Lagerkoller zu bekommen. Brett- oder Computerspiele bieten da Abwechselung. Das „Spiel des Wissens, „Die Siedler von Catan“, „Ubongo“ oder „Just one“ werden in diesen Wochen regelmäßig aufgebaut. „Eigentlich nutzt jeder seine Freizeit anders. Ich spiele gern Badminton im Hof“, meint Raphael. Gemeinsam schaut die Gruppe die Serie „Merlin – Die neuen Abenteuer“.

Natürlich sei es eine schwierige Zeit, wenn der Kontakt zu Freunden nur per Telefon oder Whatsapp möglich sei, so der Neuntklässler. Dennoch sagt er abgeklärt: „Angesichts der Umstände, muss man die Kontaktsperre eingehen. Es wird hoffentlich rumgehen“, so der Jugendliche, „und nicht die nächsten zwölf Jahre anhalten.“

Auch von den betreuenden Sozialpädagogen und Erziehern wird ein hoher Einsatz gefordert. Alle spüren die Anspannung. „Die Kontakte zu den Eltern fallen weg. Da ist es wichtig, die Jugendlichen emotional zu stabilisieren“, so Tina Weise. Julia Hartmann fügt an: „Wir sind nahe dran, führen viele Gespräche und sind ehrlich miteinander, um mit unseren Möglichkeiten das Beste aus der Situation zu machen. Die Beziehungsarbeit gilt nicht nur den Jugendlichen, sondern auch den Eltern.“

Nicht allein wegen des Zuhausebleibens, sondern ebenso wegen der Befürchtung, irgendjemand könnte sich mit Covid-19 infizieren und Quarantäne drohen, belasten Betreuer und Jugendliche. Auch wenn Werner Fritz, Geschäftsführer der Jugendhilfe Creglingen, in engem Austausch mit anderen Einrichtungen ist, um für den Notfall gerüstet zu sein, schwingt eine gewisse Unruhe, wie sie auch in Pflegeheimen herrscht, mit.

Gerade vor diesem Hintergrund meint Tina Weise: „Ich bin sehr stolz auf unsere Gruppen. Die Stimmung ist gut, auch wenn es in der einen oder anderen Gruppe ab und an kriselt, weil die Entwicklung im Rahmen von Inobhutnahmen sehr dynamisch ist.“

Die Jugendhilfe Creglingen weiß derzeit nicht, was noch auf sie zukommt. Mehr oder minder eingeschlossen in der eigenen Wohnung, können familiäre Konflikte auftreten oder gar eskalieren. „Kinderschutz ist in diesen Zeiten ein wichtiges Thema. Ich gehe davon aus, dass die Zahl der Inobhutnahmen steigt“, so Weises eher pessimistisch stimmende Prognose.

 

Text: Heike von Brandenstein, Fränkische Nachrichten TBB
erschienen: 06. April 2020 in den Fränkischen Nachrichten

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